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Laudatio zu Ehren von Judith Lilly Alber

von Professorin, Helen Kohlen, Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des DHPV

Sehr geehrte Damen, sehr geehrte Herren,
sehr geehrte Preisträgerin, liebe Frau Alber,

ich habe die Ehre und die Freude, die lobenden Worte zu sprechen für die Masterarbeit mit dem Titel „Palliative und hospizliche Begleitung von Menschen mit schwerer und geistiger Behinderung“.

Gerne stelle ich zuerst Judith Lilly Alber vor: Frau Alber ist in Heidelberg geboren, machte ihr Abitur in Bayreuth und entschloss sich zu einem Freiwilligen Sozialen Jahr in der Jugendarbeit in Argentinien.

Die ehrenamtliche Arbeit verfolgte sie weiter als Helferin im Kinder- und Jugendhilfeverbund und schließlich in der Rehabilitationspädagogik mit dem Nebenfach Kunstgeschichte an der Humboldtuniversität Berlin, im Bachelor- und folgend im Masterprogramm.

Die Welt der Berührung mit und von Menschen – jenseits des universitären Lebens – ist für Frau Alber entscheidend: So arbeitete sie als Betreuerin von Kindern in Pflegefamilien und absolvierte u.a. ein Praktikum im Zentrum für ambulante Rehabilitation, im Bereich der Musiktherapie sowie in einem Camphill für Menschen mit geistiger Behinderung im Rahmen eines Erasmusprogramms in Frankreich.

Als studentische Mitarbeiterin im Projekt PiCARDi, geleitet von Prof. Dr. Sven Jennessen am Institut für Rehabilitationswissenschaft, fertigte Frau Alber ihre hervorragende Masterarbeit an. An dieser Stelle auch mein Glückwunsch an den Betreuer und Kollegen, Sven Jennessen.

Die Arbeit ist thematisch hochaktuell. Sie analysiert, inwiefern in hospizlichen und palliativen Konzeptpapieren Themen enthalten sind, die explizit Menschen mit schwerer und geistiger Behinderung im Blick haben. Die Arbeit ist nicht nur thematisch aktuell, sondern auch historisch, sie regt zur Reflexion und Wahrnehmung unserer historischen Verantwortung an.

Bis vor 75 Jahren hätten diese Menschen nicht leben dürfen. Ihr Leben wäre im Nationalsozialismus „lebensunwert“ gewesen und sie wären ermordet worden. Wir haben es folglich mit einer Personengruppe zu tun, die „heute“ leben darf und damit auch im hospizlichen Sinne „bis zuletzt“!

Die Forschungsfrage von Frau Alber lautet: Ist die Begleitung von Menschen mit schwerer und geistiger Behinderung am Lebensende in den Konzepten der Bundesländer verankert?
Zur Beantwortung der Frage hat Frau Alber 15 Konzeptpapiere mittels der qualitativen Inhaltsanalyse unter die Lupe genommen. Die Dokumentenanalyse zeigt, dass Menschen mit schwerer und geistiger Behinderung in den Konzepten selten explizit erwähnt werden. Und wird die Gruppe genannt, dann überwiegt der Fokus auf Kinder.
Abgesehen von einem stationären Hospiz für Kinder und Jugendliche sind alle Papiere für Einrichtungs- und Organisationsformen für Erwachsene konzipiert. Lediglich ein ambulanter Hospizdienst machte neben Erwachsenen auch Kinder zum Thema.

Bemerkenswert ist, dass pflegebezogene Themen in den Konzepten der Palliativstationen trotz der stationären Einrichtungsform wenig präsent sind. Ähnliches zeigt sich in Bezug auf Spiritualität und Religion: Obwohl sechs der Settings ökumenisch oder konfessionell ausgerichtet sind, wird Religion nicht mit Behinderung in Zusammenhang gebracht.

Menschen mit schwerer und geistiger Behinderung sind bislang ein Randthema in Konzepten palliativer und hospizlicher Settings, das bestätigt diese Arbeit. Die Arbeit, ich zitiere aus der Arbeit von Frau Alber, offenbart zweierlei: „Erstens bedürfen auch Menschen mit schwerer und geistiger Behinderung einer palliativen und hospizlichen Begleitung. Und Zweitens: Es gibt Besonderheiten bei Ihrer Betreuung.“

Und weiter: „In Bezug auf Kommunikation ist klarzustellen, dass nicht nur an Demenz erkrankte Menschen von körpernahen Ausdrucksformen profitieren, sondern auch Menschen mit schwerer und geistiger Behinderung.“
Frau Alber formuliert Empfehlungen, inwiefern den Bedürfnissen der Erwachsenen besser entsprochen werden kann. Ein erster Schritte wäre es, sie mittels Sprache aus der Unsichtbarkeit zu holen.

Basierend auf einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung, aber auch aufgrund ihrer konkreten Erfahrungen im Umgang mit behinderten Menschen, ist es Frau Alber gelungen eine Arbeit zu verfassen, die gedanklich Tiefenschärfe zeigt und zugleich sensibel Realitäten im Blick behält.

Fachkenntnisse, Realitätssinn und Kreativität kommen in einer brillanten Weise zusammen. Ich zitiere aus dem Fachgutachten von Prof. Jennessen: „Die Arbeit überzeugt (…) durch die gewissenhafte stringente Bearbeitung der Forschungsfrage und eine formal und sprachlich (…) fehlerfreie Umsetzung“.

Liebe Frau Alber, herzlichen Dank für ihre Arbeit zur rechten Zeit.
Erfreuen Sie sich am Erfolg und ergreifen Sie ihn zur Motivation für eine innovative Arbeit an ihrer Dissertation zum Thema Freundschaft bei Menschen mit komplexer Behinderung am Lebensende.

Und: bleiben Sie der realen Welt verbunden. Das zeichnet sie aus!

Herzlichen Glückwunsch!

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