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Informationen zur Fernsehsendung "Gott" / Kritik und Input für Diskussionen

08.12.2020 - 13:00

(Aktualisiete Version)

Am 23. November 2020 lief die Verfilmung des Theaterstücks „Gott" von Ferdinand von Schirach (ARD). Mit seinem Stück bezieht sich von Schirach auf die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts (BVerfG) vom 26. Februar diesen Jahres, den § 217 Strafgesetzbuch (Verbot der geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung) für nichtig zu erklären. Dieser Artikel trägt Argumente und Reaktionen zusammen, die dabei helfen können, in der eigenen Einrichtung oder im eigenen Dienst anhand des Films oder des Theaterstücks mit den haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen zu diesem für die Hospiz- und Palliativarbeit so wichtigen Thema ins Gespräch zu kommen und die hospizliche Haltung zu stärken.

Zunächst zum Inhalt des Theaterstücks: Der 78-jährige Richard Gärtner, ein körperlich und geistig gesunder Mann, will seit dem Tod seiner Frau nicht mehr weiterleben. Er verlangt nach einem Mittel, mit dem er sich töten kann. Ein virtueller Ethikrat diskutiert den Fall, es kommen neben Herrn Gärtner und seinem Anwalt Biegler u.a. die Rechtssachverständige Litten, der medizinische Sachverständige Sperling sowie Bischof Thiel zu Wort.

Was war noch mal die Frage?
Am Ende der Ausstrahlung sollen die Fernsehzuschauer*innen abstimmen, ob „ein Arzt einem Menschen beim Suizid helfen soll“. Diese Fragestellung wird, je weiter das Stück fortschreitet, zunehmend unkonkreter. So geht es bei der Befragung des Kirchenvertreters – er wird als letzter und besonders ausführlich befragt – fast ausschließlich darum, ob der Mensch das Recht hat, sich selbst zu töten.

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Komplexes Thema unterkomplex inszeniert
Zudem werden die Zuschauer*innen – obwohl zu Beginn versprochen („Wir werden alle Argumente hören.“) – nicht neutral und umfassend aufgeklärt. Im Gegenteil, die Darstellung ist tendenziös und wichtige Argumente kommen nicht oder nur oberflächlich zu Wort, etwa die der Suizidprävention und die Palliativmedizin. Stattdessen wird viel Zeit darauf verwendet, den Kirchenvertreter mit einer Diskussion über Kreuzzüge, Hexenverfolgung und Kindesmissbrauch sowie mit Fragen zur Bibel (Wie viele Suizide gibt es in der Bibel? – Es sind neun.) und zur Bibelexegese (Was steht dort zum Selbstmord, wird er verboten? – Nichts. Nein.), zu demontieren. Das entwertet auch die guten Argumente des Bischofs, etwa dass Solidarität und Fürsorge zentrale Werte einer Gesellschaft sind, bzw. der Hinweis auf den Druck, der auf Alte und Kranke entstehen kann, die von der Verfassung anerkannte Möglichkeit zu nutzen, sich „endlich mit der Hilfe des freundlichen Hausarztes umzubringen“.

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Kritik von Palliativmediziner*innen und Psycholog*innen
Bereits vor der Ausstrahlung hatten Palliativmediziner*innen und Psycholog*innen in einem offenen Brief grundsätzliche Kritik am Film geübt. Dieser Brief wurde in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 21. November aufgegriffen.  Demnach negiert und entwertet vor allem die Darstellung des medizinischen Sachverständigen die Arbeit von Mediziner*innen, Psychiater*innen, Psychologen*innen, Palliativmediziner*innen, Pflegekräften, Seelsorgenden und Mitarbeitenden von Hospizen. Auch sei die Alternative zum assistierten Suizid nicht das würdelose, hilflose Sterben „sabbernd“ und „an Schläuchen hängend“ im Krankenhaus, wie im Theaterstück / Film suggeriert.

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Selbstbestimmungs- und Würdebegriff
Bei der Befragung des medizinischen Sachverständigen Sperling zitiert der Anwalt von Herrn Gärtner aus der Genfer Deklaration des Weltärztebundes: „Ich werde die Autonomie und die Würde meiner Patientin oder meines Patienten respektieren.“ Er ergänzt: „Und, Herr Professor Sperling, geht es bei der Hilfe zum Suizid nicht genau darum – um die Autonomie und die Würde des Patienten?“
Dieser individualistische Selbstbestimmungsbegriff blendet die Bedeutung von Beziehungen und sozialem Kontext aus. Hochbetagten und dementen Menschen z.B. ist es oft nicht mehr aus sich heraus möglich, Selbstbestimmung zu realisieren, sie brauchen autonomiefördernde Unterstützung durch ihr soziales Umfeld oder Pflegende. In diesem Sinne vernachlässigt der individualistische Selbstbestimmungsbegriff das Care- oder Fürsorgeprinzip, denn sich helfen zu lassen bedeutet nicht ein Aufgeben der Autonomie.

Den gesamten Beitrag gibt es hier als PDF. Zusammen mit dem Theaterstück bzw. der Verfilmung ist er auch eine Möglichkeit, in der eigenen Einrichtung oder im eigenen Dienst mit den haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen zu diesem für die Hospiz- und Palliativarbeit so wichtigen Thema ins Gespräch zu kommen.

Die verwendeten Texte / Filme:

Ferdinand von Schirach: GOTT - Ein Theaterstück, Luchterhand, 2020
GOTT - Fernsehfilm, Regie Lars Kraume (Link, noch bis 23.12.2020 verfügbar)
Michael Hanfeld: Mediziner protestieren mit offenem Brief gegen Suizid-Film, FAZ vom 21.11.2020 (Link)
Offener Brief von Palliativmediziner*innen und Psycholog*innen (Link)
Peter Dabrock: Ach, "Gott", Herr von Schirach / Über vertane Chancen eines Volkserziehungsstücks, evangelisch.de, 23.11.2020 (Link)
Frank Lübberding: Sterben als gesellschaftlicher Bedarf, FAZ 24.11.2020 (Link)
Elisabeth Gräb-Schmidt: Ein neues Verständnis von Selbstbestimmung, Analysen & Argumente, Nr. 418 / November 2020, PDF abrufbar hier bit.ly/Graeb-Schmidt_Analyse
BVerfG, Urteil des Zweiten Senats vom 26. Februar 2020 - 2 BvR 2347/15 -, ab Rn. 239 (Link)

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