Der Wissenschaftliche Beirat des DHPV zur Stellungnahme der Leopoldina zur "Palliativversorgung in Deutschland"

26.05.2015 - 08:00

Die Leopoldina zur Palliativversorgung in Deutschland – Wissenschaftlicher Beirat des DHPV weist auf die Bedeutung von Hospiz als zentraler Versorgungsfaktor und als Bürgerbewegung hin

Der Wissenschaftliche Beirat des Deutschen Hospiz und PalliativVerbandes (DHPV) hat sich auf seiner Sitzung am 12. März 2015 in Berlin unter anderem mit der Stellungnahme der Leopoldina zur „Palliativversorgung in Deutschland“ befasst. Das unter Federführung der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina e.V. – Nationale Akademie der Wissenschaften – entstandene, im Februar 2015 in Halle (Saale) veröffentlichte und 77 Seiten umfassende Papier war mit großer Spannung erwartet worden. Neben einigen Grundlagen und einer Bestandsaufnahme zur Versorgungssituation schwerkranker und sterbender Menschen enthält die Stellungnahme auch eine Forschungsagenda mit Aussagen zum Bedarf an Forschung im Palliativ- und Hospizbereich sowie zu vorzugsweise zu bearbeitenden Themen und Fragestellungen.

Generell begrüßen die Mitglieder des Wissenschaftlichen Beirats, dass eine der renommiertesten wissenschaftlichen Einrichtungen des Landes sich intensiv mit der Versorgung schwerkranker und sterbender Menschen und dem darauf bezogenen Forschungsbedarf befasst hat. Dies wird nicht zuletzt als Ausdruck der wachsenden gesellschaftlichen Aufmerksamkeit für die Belange von Menschen in Phasen schwerer, nicht heilbarer Erkrankungen und am Lebensende gedeutet. Zahlreiche der in dem Papier enthaltenen Analysen und Folgerungen sind zutreffend und für die Weiterentwicklung dieses Handlungs- und Forschungsfeldes instruktiv.

Darüber hinaus gilt es aus Sicht des Wissenschaftlichen Beirats, deutlicher auf zentrale Anliegen der Hospizbewegung sowie auf innovative Ansätze in Konzept und Umsetzung von Palliative Care hinzuweisen, die in dem Papier nicht ausreichend zur Geltung kommen.

(1)   Es ist unstrittig, dass – so eine der Grundempfehlungen der Stellungnahme – „eine für ganz Deutschland gleichwertige, einheitliche, flächendeckende und im Gegensatz zur gegenwärtigen Situation für alle Betroffenen zugängliche Versorgung mit hoher Qualität“ (Leopoldina 2015: 3) geschaffen werden muss. Noch immer gibt es erhebliche Versorgungslücken und Unterschiede in der Versorgungsdichte – exemplarisch ist in diesem Zusammenhang auch die ausgesprochen restriktive und von segmentierten Kostensteuerungsinteressen geprägte Gewährungspraxis der Krankenkassen zu nennen. Allzu oft bleiben Menschen am Lebensende und deren Angehörige mit ihren Anliegen ungehört. Der DHPV und seine Mitgliedsorganisationen engagieren sich auf Bundesebene bereits seit 1992, um diesem Problem zu begegnen. Auf der Grundlage bürgerschaftlichen Engagements wurden zahlreiche Initiativen zur Verbesserung der Lebens- und Versorgungssituation schwerstkranker und sterbender Menschen ins Leben gerufen. Die Beiträge der Zivilgesellschaft für die Bewältigung der mit dem Lebensende oder mit schwerer Krankheit einhergehenden Versorgungsaufgaben sind mit Blick auf die aktuellen und zukünftigen Herausforderungen unverzichtbar. In vielen Bereichen ist längst offensichtlich, dass eine allein auf professionelle Unterstützung setzende Gesundheits- und Sozialversorgung den veränderten demographischen, epidemiologischen und sozialen Anforderungen nicht mehr entsprechen kann. Gefragt sind künftig vermehrt kleinräumige, regionale Initiativen, „sorgende“ soziale Gemeinschaften und Ansätze, die auf Beteiligung und Mitverantwortung von betroffenen und solidarischen Bürgerinnen und Bürgern setzen. Zudem sind Versorgungsmodelle gefordert, die ein besseres Ineinandergreifen haupt- und ehrenamtlicher Hilfen ermöglichen und somit eine intensive Kooperation professioneller und bürgerschaftlicher Initiativen voraussetzen. Gerade zu solchen Innovationen in der Palliativversorgung braucht es in Zukunft verstärkte Forschungsanstrengungen, die Formen gelingender Kooperation ausleuchten und ihre modellhafte Umsetzung begleiten.

(2)   Allgemeiner noch ist eine intensivierte Forschung im Bereich Palliative Care zu fordern, die das soziale Umfeld von schwerkranken und sterbenden Menschen und dessen Einbindung in das Versorgungsgeschehen umfassend untersucht und dabei Patienten und ihr soziales Umfeld als Einheit („unit of care“) und Adressaten aller Aktivitäten in diesem Feld ins Zentrum rückt. Sowohl die Praxis wie die Forschung in der Palliativversorgung müssen eine isolierende Perspektive auf ‚den Patienten‘ im Versorgungsgeschehen am Lebensende vermeiden.

(3)   Ausgangspunkt für die Aktivitäten der bürgerschaftlichen Hospizbewegung war seinerzeit das Anliegen, die Situation und Versorgung unheilbar kranker und sterbender Menschen zu verbessern. Sie sollten nicht mehr ausgegrenzt und abgeschoben, sondern mit ihren Nöten und Anliegen in die Gesellschaft integriert werden. Die Professionalisierung der Palliativversorgung darf nicht dazu führen, im Blick auf den ‚Palliativpatienten‘ das Sterben als ein soziales Geschehen neuerlich auszuklammern. Von besonderer Bedeutung ist dabei das Feld der Hospizarbeit, das auf einer breiten Basis bürgerschaftlichen Engagements steht. Das spezifische Charakteristikum ehrenamtlicher Hospizarbeit besteht gerade darin, einer medizinisch-pflegerischen Versorgung ein ‚Mehr an sozialen, psychischen und spirituellen Unterstützungsangeboten‘ bis hin zur Hilfe in alltagspraktischen Belangen zur Seite zu stellen, was eben nicht in einem ‚Versorgungsanspruch‘ aufgehen kann. Vielmehr geht es hier um zivilgesellschaftliche Prozesse, die es hinsichtlich ihrer förderlichen oder hinderlichen Rahmenbedingungen zu erforschen und unter entsprechender Beteiligung aller relevanten Akteure wie Patienten- und Betroffenenverbände sowie bürgerschaftlich Engagierter zu gestalten gilt.

Die Stellungnahme einer hochrangigen Wissenschaftsorganisation zur Palliativversorgung kann als Zeichen dafür gewertet werden, dass in der Gesellschaft ein Umdenken eingesetzt hat. Die mit schweren Krankheiten, Leiden, Sterben und Tod verbundenen gesellschaftlichen Herausforderungen werden angenommen und – so zeigt das Leopoldina Papier – auch zum Gegenstand von Forschung. Das Papier zeigt aber auch, dass noch einiges zu tun ist, um die Belange der schwerkranken und sterbenden Menschen und ihres sozialen Umfeldes in das Zentrum von Praxis, Politik und Wissenschaft zu rücken – die bürgerschaftliche Hospizbewegung dürfte sich dabei auch künftig als wichtiger Gesprächspartner erweisen.

Berlin, den 21. Mai 2015

Position des Wissenschaftlichen Beirats als PDF.

Stellungnahme der Leopoldina.

Zurück