Aktuelles > Öffentlichkeitsarbeit > Ehrenpreise > 2017 > Laudatio: St Christopher's Hospice London

Laudatio zu Ehren des St Christopher's Hospice London

von Dr. Anja Schneider, stellv. Vorsitzende des DHPV

Das Anliegen der Hospiz- und Palliativarbeit und damit des Deutschen Hospiz- und PalliativVerbands ist es, die Strukturen eines würdevollen Sterbens und die damit zusammenhängenden Rahmenbedingungen zu verbessern. Ohne das Engagement anderer Akteure in Politik und Gesellschaft wäre das nicht möglich. Aus diesem Grund ehrt der DHPV mit dem Preis in der Kategorie Strukturen und Rahmenbedingungen Menschen, die sich hier regional und/oder bundesweit nachdrücklich einsetzen.

In diesem Jahr gehen wir – noch einmal rückblickend auf unser Jubiläum – einen Schritt weiter und werden international. So sind wir stolz und glücklich, den Ehrenpreis in der Kategorie Strukturen und Rahmenbedingungen an das St Christopher’s Hospice in London zu vergeben. Damit huldigen wir den Anfängen der Hospizarbeit in Deutschland auf besondere Weise. Wie Sie wissen, hat der DHPV 2017 sein 25-jähriges Bestehen gefeiert. Dieses Jubiläum war Anlass dafür, noch einmal auf die Wurzeln der Hospizarbeit in Deutschland und somit auf das bürgerschaftlichen Engagement zunächst weniger Pioniere der Hospizarbeit in den 1980er Jahren zu schauen. Inspiriert war dieser Aufbruch nicht zuletzt durch die Eindrücke, die einige der Gründungsmütter und -väter in England sammeln durften. Denn hier eröffnete Dame Dr. Cicely Saunders mit dem St. Christopher's Hospice in London bereits 1967 das erste stationäre Hospiz moderner Prägung. Von dort breitete sich – beginnend vor über 50 (!!!) Jahren – die moderne Hospizbewegung in viele Länder innerhalb und außerhalb Europas aus.

Es gibt ein deutsches Zeitzeugnis aus den allerersten Jahren im St Christophers. Es ist der Fernsehfilm „Noch 16 Tage. Eine Sterbeklinik in London“ aus dem Jahr 1971 von Reinhold Iblacker und Siegfried Braun, der in Deutschland als ein Startschuss der Hospizarbeit gelten kann, auch wenn es danach noch über ein Jahrzehnt dauerte, bis die ersten Hospizdienste, Palliativstationen und stationären Hospize entstanden. Denn zunächst sorgte der Film in Deutschland für Diskussionen, was zu einem großen Teil sicher an der Übersetzung von „Hospice“ als „Sterbeklinik“ lag, und eine solche Klinik wollte weder die Politik noch die Kirche.

Das er heute als Initialzündung der Hospizarbeit in Deutschland gelten kann, liegt vor allem daran, dass er – zu einer Zeit, in der das Sterben in Deutschland stark tabuisiert war und Sterbende in Krankenhäusern nicht selten in Badezimmer und Kammern geschoben wurden – sehr eindrucksvoll zeigt, was menschliche Zuwendung am Ende des Lebens vermag. Wir sehen, wie viel Zeit sich die Pflegenden nehmen, wie die Angehörigen eingebunden werden, wie gemeinsame Feste gefeiert werden. In kurzen Interviews kommt unter anderem Cicely Saunders zu Wort und erklärt, was hospizliche Haltung ausmacht: dass man die Kranken wissen lässt, wie es um sie steht und dass man Schmerzen adäquat lindert. Zudem Zuwendung und Menschlichkeit, sowie die Toleranz bezüglich der Religion und die Selbstreflektion der Pflegenden und Behandelnden.

All das hat sich im Umgang mit schwerstkranken und sterbenden Menschen in den letzten Jahrzehnten in Deutschland mehr und mehr durchgesetzt. Was in den 1980er Jahren mit ersten ambulanten Hospizdiensten, stationären Hospizen und Palliativstationen begann, sind heute rund 1.500 ambulante Hospizdienste, über 230 stationäre Hospize, einschließlich der stationären Hospize für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, mehr als 300 Palliativstationen in Krankenhäusern und ebenso viele Teams der Spezialisierten ambulanten Palliativversorgung (SAPV) sowie ca. 10.000 Mediziner, die die Zusatzausbildung zum Palliativmediziner absolviert haben. Insgesamt engagieren sich heute unter dem Dach des DHPV mehr als 100.000 Menschen ehrenamtlich, bürgerschaftlich und hauptamtlich für schwerstkranke und sterbende Menschen.

Unser 25-jähriges Verbandsjubiläum, das wir im letzten Jahr gefeiert haben, ist Ausdruck dieser Entwicklung. Höhepunkt unseres Jubiläumsjahres war eine internationale Fachtagung unter dem Titel: Hospiz. Europa. Zukunft. Denn Hospiz- und Palliativarbeit ist schon lange keine abgegrenzte Angelegenheit mehr, sondern sie hat sich in den Jahrzehnten, auch hier ausgehend von England und vom St Christopher’s, in vielen Ländern Europas stark weiterentwickelt und miteinander vernetzt. Es war uns eine besondere Ehre, dass wir zu dieser Tagung mit Shaun O’Leary – neben Heather Richardson Geschäftsführer des St Christophers – auch einen Repräsentanten der Wiege der europäischen Hospiz- und Palliativarbeit bei uns haben durften, der die Diskussionen zur zukünftigen Entwicklung von Palliative Care und vor allem des Ehrenamtes bereichert hat und über die Notwendigkeit sprach, neue Pflege- und Betreuungsmodelle zu etablieren, um den sich verändernden Bedürfnissen, Präferenzen und Erwartungen der Menschen gerecht zu werden. Auch das sind wichtige Impulse auch für unsere Arbeit.

Aus all diesen Gründen freuen wir uns, dem St Christophers Hospice den diesjährigen DHPV-Ehrenpreis in der Kategorie „Strukturen und Rahmenbedingungen“ zu übergeben. Wir freuen uns darauf, auch in Zukunft miteinander in Kontakt zu bleiben, voneinander zu lernen und den kommenden Herausforderungen wo notwendig und möglich, gemeinsam zu begegnen.

Zurück