Ehrenpreis 2010 - Festvortrag

Der Umgang mit Sterben als gesellschaftspolitische Herausforderung – Zur Bedeutung ambulanter Hospizarbeit
Werner Schneider 

Sehr geehrte Damen und Herren, verehrte Festgäste,

1. Vorbemerkung

Von Oscar Wilde wird überliefert, er hätte sein eigenes Sterben, verarmt in einem Pariser Hotelzimmer liegend, wie folgt kommentiert: "Ich sterbe, wie ich gelebt habe - über meine Verhältnisse!" Dieses Zitat, wie historisch verbürgt es auch immer sein mag, verweist auf mindestens zwei zentrale Aspekte des Sterbens:

Erstens: Sterben ist weniger als individuelle Erfahrung denn als soziales Phänomen zu betrachten – entscheidend für sein Sterben sind für Wilde offenbar 'die Verhältnisse', in denen er gelebt hat und nun sterben wird. Wenn man diesem Hinweis folgen mag, ist – zweitens – das Sterben eng mit der Frage nach sozialer Ungleichheit verbunden.

Gestatten Sie mir einige einleitende Bemerkungen zu diesen beiden Aspekten, die mir wichtig erscheinen für die – mit meinem Vortragsthema adressierte – Frage nach der gesellschaftspolitischen Herausforderung im Umgang mit Sterben und Tod und welche Bedeutung dabei der (ambulanten) Hospizarbeit zukommt.

2. Sterben aus soziologischer Perspektive

Sterben erscheint gemeinhin als ein primär physiologischer Vorgang, dem eine höchst individuelle – leibliche – Erfahrung des je eigenen Sterbens, welche nur der Betreffende für sich selbst machen kann, zur Seite steht: Jeder von uns wird diese im eigentlichen Sinne intime Erfahrung einmal für sich und nur für sich selbst machen – machen müssen.

Dies erscheint uns infolge unseres Wissens um die eigene Sterblichkeit so plausibel wie es soziologisch betrachtet in die Irre führt. Denn Sterben ist immer auch und vor allem ein sozialer Prozess. Und in dieser sozialen, gesellschaftlichen Dimension des Sterbens liegt ja auch der Kern der Hospizidee!

Der soziale Prozess des Sterbens, der der eigentlichen, im engeren Sinne verstandenen Sterbephase eines Menschen in der Regel lange voraus läuft – beginnend etwa mit einer infausten Diagnose –, ist soziologisch als Ausgliederungsprozess zu kennzeichnen (nicht Ausgrenzung, sondern Ausgliederung!).

Er zielt im Kern auf eine umfassende Um- und Neudefinition der gemeinsam geteilten Wirklichkeit durch alle am Sterbensverlauf Beteiligten. Durch diese Um- und Neudefinition macht sich die betreffende Gemeinschaft deutlich, dass eines ihrer Mitglieder sie unwiederbringlich verlassen wird und dass die dann Weiterlebenden den Übergang in eine neue Alltagswirklichkeit ohne diesen dann nicht mehr lebenden Anderen vollziehen müssen.

Viele Hospizpraktiker weisen aufgrund ihrer Erfahrungen darauf hin, dass die Sorge von Sterbenden häufig genau diesem Aspekt geschuldet ist: Wie wird der Alltag für meine Angehörigen jetzt – in der momentanen Außeralltäglichkeit der lebensbedrohenden Krankheit, des Sterbens – und über meinen Tod hinaus bewältigbar sein? Gerade hier setzt ja das umfassende Unterstützungs-, Betreuungs- und Begleitungsangebot von Hospizarbeit an!

Ein 'gelungenes', 'gutes' Sterben wäre demzufolge ein Sterbeprozess, der beim Patienten jene Betreuungssicherheit erzeugt, die er und seine Angehörigen in der je aktuellen Lebens- und Krankheitssituation benötigen, und – darüber hinausweisend – die bei den Weiterlebenden den Glauben an die Sinnhaftigkeit ihres Weiterlebens in ihren alltäglichen Bezügen aufrechterhält bzw. gar bestärkt.

Erkennbar ist, wie in dieser Sichtweise der Fokus von der individuellen Sterbenserfahrung des Sterbenden auf das Kollektiv der mit dem Sterbeprozess Konfrontierten und ihrer Ausgestaltung dieses sozialen Prozesses gelegt wird: Wie wird das Sterben durch den Patienten, die Angehörigen, die haupt- und ehrenamtlichen Betreuer und Begleiter sozial organisiert? Damit ist gleichsam zwangsläufig mein vorhin genannter zweiter Aspekt adressiert: die Frage nach sozialer Ungleichheit.

Der Tod galt in der vormodernen Gesellschaft als der 'große Gleichmacher', der jeden, gleich welchen Alters, welchen Geschlechts, welchen Standes, unausweichlich traf. So korrespondierte er mit einem Verständnis von Gott gegebener unverrückbarer Ungleichheit im Leben der Menschen in der traditionalen Ständegesellschaft. Zur Legitimation der Vorstellung, dass im diesseitigen Leben die existenzielle Ungleichheit unter den Menschen als 'göttliche Weltordnung' gegeben und somit der menschlichen Umgestaltung entzogen sei, brauchte es den Gleichmacher Tod. Er fungierte als Eintritt in das damals viel wichtigere jenseitige Leben mit seiner Heilserwartung, für deren Erfüllung dann nur noch die jeweilige Glaubenskraft, die moralische Existenz im Guten oder Bösen ausschlaggebend sein sollte.

Die heutige gesellschaftspolitische Herausforderung im Umgang mit Sterben heute gründet in der radikalen Umkehrung dieser traditionalen Un-/Gleichheitsordnung durch die Moderne: Der Tod ist für uns in den Hintergrund gerückt, sein Gleichmacher-Gesicht hat seine gesellschaftliche Relevanz eingebüßt. Die mit der modernen Gesellschaft für alle Menschen im Hier und Jetzt eingesetzten Gleichheitsnormen und Gleichheitserwartungen – gekennzeichnet durch Wertvorstellungen wie Selbstbestimmung, Würde, gesellschaftliche Teilhabe u.a. – haben sich mittlerweile unaufhaltsam auf die Ränder am Anfang und am Ende menschlichen Lebens ausgedehnt. Deshalb tritt z.B. immer drängender die Frage nach der Würde des sterbenden Menschen in den Vordergrund, die selbstverständlich nicht nur, aber vor allem eine Frage nach sozialer Ungleichheit ist. Der Tod selbst mag schließlich auch heute noch alle gleich machen, aber immer bedeutsamer wird für uns der 'Ungleichheitsgenerator Sterben', denn kaum etwas bringt deutlicher die soziale Ungleichheit zu Lebzeiten zum Ausdruck wie die Ausgestaltung des Sterbeprozesses.

So wie man gelebt hat, so stirbt man – sei es 'über seine Verhältnisse' wie bei Oscar Wilde, sei es – sicherlich im häufigeren Fall – seinen Verhältnissen entsprechend, man stirbt eher in der Mitte oder eher am Rand der Gesellschaft, man wird womöglich nicht nur ausgegliedert, sondern in der Tat ausgegrenzt…

Somit hängen für das keineswegs festgelegte 'Wie' des Sterbens die vorzunehmenden Weichenstellungen, die einzuschlagenden Wege nicht primär von den physiologischen Aspekten des Sterbensverlaufes ab, sondern von seiner 'sozialen Organisation', die entlang von sozialen Merkmalen zu kennzeichnen ist: Geschlecht, Alter, Status, Prestige, Lebensstil, Kommunikationsmöglichkeiten, Definitions- und Verfügungsmacht u.a.

3. Der Umgang mit Sterben als gesellschaftspolitische Herausforderung: Die Frage nach sozialer Ungleichheit

Der Medizinsoziologe Johannes Siegrist hat bei einer Rede zum Deutschen Ärztetag 2005 auf die – ich zitiere – "ausgeprägten sozialen Unterschieden bei den Chancen eines gesunden Lebens und den Risiken eines frühen Todes" hingewiesen und dabei den Befund vorgetragen: Niedrige soziale Schichtzugehörigkeit sei weltweit vermutlich die stärkste einzelne Einflussgröße auf vorzeitige Erkrankungen und Sterbefälle. Und dies gilt auch für sogenannte entwickelte Länder mit hoher medizinischer Versorgungsqualität und gleichen Zugangschancen zum Gesundheitssystem für die breite Bevölkerung.

Die Empirie hierzu ist seit langem eindeutig und in der Literatur gut dokumentiert: So beträgt bspw. in der reichen Schweiz der statistische Unterschied der mittleren Lebenserwartung zwischen Männern, die beruflichen Führungsschichten angehören, und einfachen Angestellten und Arbeitern 4,4 Jahre. In Frankreich und Großbritannien ist der Unterschied noch höher, und in Finnland werden gar 7 Jahre Differenz ausgewiesen. Solche Schichtunterschiede hinsichtlich des früher oder später Sterbens gelten tendenziell für Männer wie für Frauen, wenngleich derzeit für Frauen noch weniger ausgeprägt. Besonders wichtig war Siegrist der Hinweis, dass über die vergangenen Jahre solche Unterschiede sich nicht minimiert, sondern sogar zugenommen haben.

Als Erklärung für diese Unterschiede, für die offenkundige Wirksamkeit eines sozialen Gradienten bei Gesundheit, Krankheit und Sterblichkeit nennt Siegrist die schichtspezifischen Belastungen des alltäglichen Lebens – von der ungünstigen Wohnlage über materielle Einschränkungen, über soziale Instabilität in Erziehung und Familie bis hin zu prekären und belastungsreichen Beschäftigungsverhältnissen – sowie ein gesundheitsschädigendes Verhalten, welches mit diesen Lebensbedingungen korrespondiert. Zusammengefasst und alltagssprachlich formuliert lauten die Ergebnisse solcher Forschungen: Je niedriger der soziale Status, umso höher ist das Krankheits- und Sterblichkeitsrisiko.

Allerdings geben solche Daten nur Auskunft über das aggregierte 'Wann' des Sterbens verschiedener Bevölkerungsgruppen, also über Sterblichkeit – nicht über das 'Wie' der jeweiligen Sterbeprozesse. Wie wird in der Oberschicht gestorben, wie in der sogenannten bürgerlichen Mittelschicht, wie in der – für manchen ein Unwort – Unterschicht? Wie wird dort gestorben, wo prekäre Lebens- und Arbeitsverhältnisse das bisherige Leben der Patienten und Angehörigen bestimmt haben, oder dort, wo gar Armut den Lebensalltag kennzeichnet?

Wir wissen es nicht – jedenfalls nicht auf der Basis systematischer empirischer Daten! Wem solche 'Schichteinteilungen' für sich genommen zu grob erscheinen, kann sie durch verschiedene sozio-kulturelle Milieus ersetzen, die z.B. auch für verschiedene ethnische Herkunftsgruppen durchdekliniert werden können – was ich uns an dieser Stelle erspare. Denn auch auf die Frage 'Wie organisieren welche sozialen Gruppen mit welchen kulturellen Orientierungen typischerweise das Sterben?' lautet die Antwort: Dazu wissen wir so gut wie nichts – jedenfalls nicht auf der Basis systematisch vergleichender Daten für unsere Gesellschaft!

Als Zwischenfazit halte ich fest: Der Umgang mit Sterben als gesellschaftspolitische Herausforderung ist dadurch gekennzeichnet, dass wir alle in unserem Alltag unweigerlich mit dem Sterben konfrontiert sind, wir als Gesellschaft (und auch als Politik) dabei allerdings in einem Raum weitgehenden Nicht-Wissens über die Praxis des Sterbens operieren, zumal dann, wenn dieses Sterben nicht in den herkömmlichen Sterbe-Institutionen, sondern z.B. 'zuhause' erfolgt.

In diesem 'gesellschaftlichen Raum' operiert auch Hospizarbeit, indem sie im Alltag der Menschen, die sich mit dem Sterben konfrontiert sehen, ansetzt, indem sie, als ambulante Hospizarbeit, bei den Menschen zuhause, in deren jeweiligen lebensweltlichen Bezügen, hilft und unterstützt, betreut und begleitet. Mit ihrer erfolgreichen Institutionalisierung hat die Hospizbewegung aber nicht nur die Situation von Schwerstkranken, Sterbenden und ihren Angehörigen in unserer Gesellschaft grundlegend verbessert. Sie hat darüber hinaus über die Zeit hinweg gleichsam 'von unten' Erfahrungswissen über die Sterbewirklichkeiten in unserer heutigen Gesellschaft angehäuft, wertvolles Wissen für die Praxis im Umgang mit Sterben, aber auch wertvolles Wissen für das Verstehen und das politische Gestalten der heutigen Lebenszusammenhänge und Sterbebedingungen von Menschen.

Gerade hierin – also nicht nur in der ganz konkreten, praktischen Hilfe für Menschen – liegt für mich die weitere Bedeutung von Hospizarbeit als solcher, indem sie ihr Erfahrungswissen, ihren wertvollen Wissensschatz, gewonnen aus der praktischen Erfahrung haupt- und ehrenamtlicher Arbeit mit Sterbenden, in die gesellschaftspolitischen Debatten zum Umgang mit Sterben einbringt.

Und genau das geschieht selbstverständlich bereits, aus meiner Sicht auch immer erfolgreicher, aber ich meine, dass dieser Wissensschatz selbst noch weiter geborgen werden muss – zumal er nach meinem Dafürhalten in Zukunft und gerade für die Frage nach sozialer Ungleichheit im Umgang mit Sterben noch wichtiger werden wird.

Das möchte ich konkreter im Blick auf ambulante Hospizarbeit und ihre Bedeutung für die Frage nach Ungleichheit erläutern.

4. Ambulante Hospizarbeit – Ungleichheitseffekte?

Zunächst ist festzuhalten: Ambulante Hospiz- und Palliativarbeit erfüllt das, was ihr Anspruch ist – sie ermöglicht ein Sterben zu Hause. In einer Untersuchung zur ambulanten Hospizarbeit, in Kooperation mit dem DHPV und finanziert von der Deutschen Krebshilfe, berichteten befragte Einrichtungen, dass der überwiegende Teil der ambulanten Sterbebegleitungen in den eigenen vier Wänden des Patienten stattfindet und auch dort beendet werden kann. Bei den konkreten Sterbeorten wurden am häufigsten die Privatwohnungen der Patienten, am zweithäufigsten Alten- oder Pflegeheime genannt, die für die Betreffenden im Sinne einer vertrauten, sicheren Umgebung in der Regel ebenfalls als 'zuhause' gelten. Hospiz-/Palliativarbeit ist somit ein entscheidender Schlüssel dafür, Menschen das von ihnen erhoffte Sterben dort, wo sie sich 'zuhause' fühlen, zu gewährleisten.

Allerdings zeigte sich auch, dass ein zuhause begleitetes und auch dort zum Ende kommendes Sterben umso wahrscheinlicher wird, je höher der Organisationsgrad des betreuenden Dienstes ist; – was jedoch keineswegs einfach im Sinne eines 'je professioneller, desto besser' interpretiert werden darf, sondern beim genaueren Hinschauen eng mit dem infrastrukturellen Kontext von hospizlicher Sterbebegleitung zusammenhängt. Infolge der regionalen Verteilung der Organisationsformen von Diensten ist 'auf dem Land' – wir finden dort deutlich mehr rein ehrenamtliche Dienste mit weniger verfügbarer Infrastruktur – einerseits die Wahrscheinlichkeit, zuhause begleitet zu werden und auch dort zu sterben, tendenziell geringer als in städtischen Regionen. Andererseits führt in städtischen Regionen wiederum das Vorhandensein von stationären Ein­rich­tungen – zumal in der Endphase der Begleitung – tendenziell zu mehr Hospitalisierung.

Hinzu kommt noch der Aspekt, dass das Zuhause der Patienten und Angehörigen als Lebenswelten auf unterschiedliche Weise in das weitere sozial-räumliche Beziehungsgefüge eingebettet ist: Verwandte, Freunde, Nachbarschaft. Diese Einbettungen spielen z.B. für die Frage, welche Hilfe man sich holt bzw. zulässt, eine wichtige Rolle, denn – das wissen Praktiker sehr gut – die soziale Kontrolle und damit die Begründungspflicht externer Hilfe im Privaten ist in dörflich-ländlichen Strukturen immer noch deutlich größer als in Städten. Gerade im ländlichen Raum findet spezialisierte, professionelle Expertenhilfe noch immer schneller einen Zugang zum Privaten, als unspezifische, 'fremde' ehrenamtliche Hilfe, mit der die Angehörigen womöglich in Gefahr geraten, in den Augen der Nachbarn sich von der Sorge um den Sterbenden entpflichten zu wollen. So betrachtet bestimmt also weniger die Bedürfnislage des Patienten oder der Angehörigen, sondern das Zusammenspiel der jeweils 'vor Ort' vorhandenen Infrastruktur und der jeweiligen 'privaten Beziehungswelt' das, was an Hilfe akzeptiert und umgesetzt werden kann.

Schaut man schließlich – gleichsam in einem Innenblick – noch genauer auf die Praxis der jeweiligen Dienste, zeigen sich unterschiedliche handlungsleitende Orientierungen in innerdienstlichen Kooperationsstrukturen ebenso wie im Umgang mit den Patienten, den Angehörigen. Diese Orientierungen sind im Umgang mit den Patienten und Angehörigen z.B. eher beziehungsorientiert, an psychosozialen Aspekten ausgerichtet oder haben eher einen körperlich-pflegerischen Fokus; die Beziehungen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter untereinander können sich mehr an privatheitlich-personenbezogenen Beziehungsnormen – Freundschaft, Bekanntschaft – oder an beruflich-professionalistischen Vorgaben ausrichten. Solche mehr oder weniger kollektiv geteilten Orientierungen in ihrem Zusammenspiel prägen gleichsam das Selbstverständnis des jeweiligen Dienstes, seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und führen in letzter Konsequenz zu unterschiedlichen ‚lokalen Kulturen’ der Sterbebegleitung.

Offenkundig ist, dass die genannten Aspekte – der Organisationsgrad, die regional-infrastrukturelle Situierung der Dienste sowie die jeweiligen Dienstkulturen – deutlichen Einfluss auf das Wie der Sterbeprozesse nehmen. Vereinfacht gesagt: Je nachdem wird ganz unterschiedlich gestorben!

Wenn wir aber nun davon ausgehen, dass eine der wesentlichen gesellschaftspolitischen Herausforderungen im Umgang mit Sterben in Zukunft darin liegen wird, die soziale Ungleichheit bei der Ausgestaltung von Sterbeprozessen zu erkennen und dort, wo sie uns als nicht legitim erscheint, zu minimieren, dass also womöglich nicht von vornherein Einkommen, Vermögen, Macht, Sozialprestige, Bildung, Wissen den Ausschlag über die Möglichkeit eines 'guten Sterbens' geben, dann resultiert daraus für mich: Ambulante Hospizarbeit muss noch stärker 'ungleichheitssensibel' werden und kann noch stärker 'ungleichheitsmindernd' wirken.  Und zwar dann, wenn sie Ihren Erfahrungswissensschatz diesbezüglich prüft, die gesellschaftliche und kulturelle Vielfalt der lebensweltlichen Bezüge der Patienten und Angehörigen noch stärker in den Blick nehmen und somit möglichen Selektivitäten in ihren Betreuungsangeboten noch stärker entgegentreten kann.

5. Zur zukünftigen Bedeutung von (ambulanter) Hospizarbeit – Perspektiven

Welche Bedeutung insbesondere der ambulanten Hospizarbeit nun in Zukunft zukommen könnte und welche Perspektiven damit auch in gesellschaftspolitischer Hinsicht verbunden sein könnten, möchte ich entlang dreier Punkte erläutern:

a) Zum Ehrenamt

Die hohe Bedeutung des Ehrenamts für die Hospizarbeit als solche wie für die Betreuung der Sterbenden und ihrer Angehörigen wird auch für die Zukunft unabdingbar sein. Denn sie stellt den Schlüssel dar für ein möglichst umfassendes 'Abbild' gesellschaftlicher Vielfalt und Heterogenität, wie wir sie heute erleben. Wichtig wäre also bei der Rekrutierung von Ehrenamtlichen, nach Möglichkeit unterschiedliche Kulturen, unterschiedliche kulturelle Traditionen des Sterbens erschließen zu können – das meine ich selbstverständlich keineswegs nur in einem engen religiösen Sinne.

Bemerkenswert ist, dass ehrenamtliche Arbeit im ambulanten Hospizbereich nach wie vor Arbeit ist, die von 'älteren Mittelschicht-Frauen' geleistet wird. (Bitte verzeihen Sie dem Soziologen solche groben und 'unhöflichen' Schubladen-Kategorien, aber so hantiert diese Wissenschaft). Überwiegend bürgerliche Frauen höheren Alters, gebildet und gut ausgebildet, oft mit entsprechender Berufs- und Lebenserfahrung leisten diese gesellschaftlich überaus wertvolle Arbeit. Hinzu kommt aber folgender Gedanke: Je mehr Heterogenität in der Ehrenamtlichkeit zu finden ist, umso größer ist die Inklusionskraft des Ehrenamts selbst und auch das Integrationspotential für jene, auf die sich das ehrenamtliche Engagement richten kann: die Sterbenden und ihre Angehörigen aus den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Schichten und Milieus.

Ich meine, die Erfolgsgeschichte der Hospizbewegung, ihre erreichte Stellung in Gesundheitssystem auf der Basis einer weitgehend sicheren Finanzierung – ist auch Ausdruck gesellschaftlicher Anerkennung der Leistung dieser Bürgerbewegung. Und insofern diese Bewegung über die zentrale Stellung der Ehrenamtlichen Bürgerbewegung bleibt, kann sie ihr gesellschaftspolitisches Potential beibehalten, weiterentwickeln, ja sogar verstärken. Auch eine noch so gute medizinische Versorgung für sich genommen, kann letztlich nicht ungleichheitsmindernd wirken, weil sie primär als Versorgungsgeschehen gerahmt ist. Ein auf Ehrenamtlichkeit basierendes, umfassendes Betreuungs- und Begleitungsangebot, wie es die Hospizarbeit bereithält, ist hingegen ein wesentlicher Grundpfeiler dafür, jenes 'Sicherheitsversprechen' zu geben und einzulösen, welches die Patienten und ihre Angehörigen für ihre vielfältigen und unterschiedlichen Bedarfe und Bedürfnisse in ihrer existenziellen Krisensituation benötigen. Und je weiter hier der Bogen zu den unterschiedlichen Bedarfen und Bedürfnissen geschlagen werden kann, umso ungleichheitsmindernder kann Hospizarbeit für Menschen am Lebensende wirksam werden.

b) Zum Wandel des Privaten

Denn das Zuhause der Menschen, ihre lebensweltlichen Bezüge, ihre Bedarfe und Bedürfnisse werden sich in der zunehmend pluralen Gesellschaft zweifellos immer weiter ausdifferenzieren. Die wachsende Diversifizierung der Voraus­setzungen, Vorstellungen, Bedürfnisse, aber auch der expliziten Normen und impliziten Regeln des privaten Lebens betreffen selbstredend auch den Umgang mit dem Lebensende. Überspitzt formuliert: Die hinter den Wohnungstüren gegebenen Antworten auf die Frage: 'Wie wollen Sie gestorben werden?' werden in Zukunft unterhalb gängiger Leitsemantiken wie 'schmerzfrei', 'ohne Qualen', 'selbstbestimmt' auf der Ebene der praktischen Ausgestaltung des Lebensendes zunehmend auseinanderdriften.

Deshalb braucht es in der Hospizarbeit auch Menschen, die in je verschiedenen Privatheitskulturen heimisch sind, denn die letztlich zentrale Frage nach Lebensqualität am Lebensende kann aus meiner Sicht nur an zwei Aspekten festgemacht werden. Da ist zum einen das Verbleiben der Definitionshoheit über den sozialen Prozess des Sterbens bei den betreuten Patienten und Angehörigen, zum anderen geht es um das möglichst lange Aufrechterhalten der Handlungswirksamkeit der Patienten. Beides bedeutet letztlich nichts anderes als Zugewinn an Lebenszeit durch das Hinauszögern des Todes, nicht des physischen, aber des sozialen Todes – gleichgültig, in welcher Privatheitskultur man zuhause ist. Beides wird aber folglich in Zukunft in zunehmend vielfältigeren, sozio-kulturell divergierenden Privatheits-Umgebungen zu leisten sein.

c) Zur Selbstbestimmung im Sterben

In diesem Sinne leistet Hospizarbeit einen entscheidenden Beitrag zur Frage nach Selbstbestimmung im Sterben – und zwar auch einen solchen, der sich gegen eine fatale Gleichsetzung von Selbstbestimmung und der Inanspruchnahme von Sterbehilfe wendet.

Immer wenn wir von Selbstbestimmung reden, sollten wir bedenken: Es war jener moderne Mythos des selbst bestimmten Subjekts, das autonom in freiem Willen sein Schicksal in die Hand nimmt und ausgestaltet, der als 'vernunftzentrierter Adultismus' nicht nur Kindern, sondern auch Alten, Kranken, Sterbenden Selbstverantwortung absprach, um andere – Eltern, Erzieher, Ärzte – für sie verantwortlich machen zu können. Nun – so scheint mir – ist es der gleiche Mythos, der als gesellschaftliche Vorgabe zu einem bewusst für sich zu organisierenden, selbst bestimmten und damit eigen zu verantwortenden Sterben nur allzu leicht die Gemeinschaft von der Übernahme von Verantwortung für dieses Sterben entheben könnte. Die Rede von der 'Selbstbestimmung', der 'Selbstverantwortung' darf nicht als Legitimation für Entsolidarisierung und Entpflichtung der Gemeinschaft gegenüber dem Einzelnen missbraucht werden. Gegen diese Gefahr steht für mich die Hospizbewegung!

6. Schluss

Der plötzlich über einen kommende Tod ohne die Möglichkeit, sich auf ihn vorzubereiten, war jahrhundertelang für die Menschen in Europa mit größtem Schrecken besetzt. Umfragen heute zeugen vom genauen Gegenteil: Gefragt, wie sie sterben möchten, antworten die meisten Menschen: plötzlich, unvorhergesehen, ohne langes Leiden, am besten 'unbewusst Entschlafen'. Weil es aber gerade dieses, am meisten von uns gewünschte Sterben sein wird, welches uns am unwahrscheinlichsten widerfahren wird – und das wissen wir, trotz unseres Nicht-Wissens, von dem ich vorher gesprochen habe! – weil wir ein solches Sterben also nicht wirklich für uns erwarten können, verwundert es nicht, dass der öffentliche Diskurs über Sterben und Tod mittlerweile dramatisch zugenommen hat. Zwar wird noch immer behauptet, dass Sterben und Tod in unserer Gesellschaft verdrängt, tabuisiert seien, aber allein schon die Tatsache, dass dies immer wieder behauptet wird, widerlegt die Aussage. Den öffentlichen Diskurs um Sterben und Tod kennzeichnet vielmehr ein Motto wie bspw. „Nicht nur das Leben, auch das Sterben verdient all unsere Aufmerksamkeit…“ (so lautete 2004 ein Kommentar in der FAZ zu Harold Brodkeys Buch „Die Geschichte meines Todes“, in dem er sein eigenes Sterben an AIDS beschreibt).

Ich meine aber: Nicht das Sterben als solches verdient all unsere Aufmerksamkeit, sondern seine institutionelle Ausgestaltung, seine soziale Organisation – denn darin liegt die gesellschaftspolitische Herausforderung!

Man mag sich dabei mit Fug und Recht aussprechen gegen eine Ökonomisierung und Medikalisierung des Sterbens; auch gegen eine übermäßige Verrechtlichung, die – wie in vielen anderen Lebensbereichen – mit dem guten Vorsatz, Handlungssicherheit herstellen zu wollen, sinnvolle und notwendige Handlungsspielräume einschränkt; oder auch gegen jene entgrenzte Ethisierung des Sterbens, die manchmal im Ablauf des Geschehens noch Entscheidungen hineinzwängt, wo schon nichts mehr zu entscheiden ist. Aber wofür will man sich aussprechen? Vielleicht gar für einen aufmerksamen, aber entspannteren Umgang mit Sterben?

Ich bin im Internet über eine Seite gestolpert, auf der Tipps für ein 'Ästhetisches Sterben' zu lesen waren – das Motto dort lautete: Alles ist in Ordnung, kein Grund für Panik, Sie sterben nur! Ich hingegen will nicht beruhigt werden, versichert werden, dass mein Sterben für mich keine große Sache sein wird, ich will nicht meine Angst vor dem Sterben verlieren – warum nicht? Vielleicht, weil ich dann das Gefühl hätte, nicht mehr zu leben.

Aber ich würde mir wünschen, in einer Gesellschaft zu sterben, die mir zusichert, dass ich sterben kann, ohne dabei allein bleiben zu müssen, wenn ich und/oder meine Angehörigen dabei nicht allein bleiben wollen – gleichgültig, welcher Schicht oder welchem Milieu ich zugehöre, mit welchen sozialen Merkmalen und kulturellen Eigenheiten ich ausgestattet bin. Diesen Balance-Akt zwischen gewährter Selbstbestimmung und angebotener Begleitung mit Verantwortungsübernahme durch Andere leistet die Hospizarbeit – und das ist für mich ihr wichtigster Beitrag zu unserer Gesellschaft.

VIELEN DANK FÜR IHRE AUFMERKSAMKEIT!

Prof. Dr. Werner Schneider hat eine Professur für Soziologie/Sozialkunde an der Philosophisch-Sozialwissenschaftliche Fakultät der Universität Augsburg und ist Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des DHPV.
Weitere Informatioen unter http://www.philso.uni-augsburg.de/lehrstuehle/soziologie/sozio3/ 

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